Ferdl Weihsmann

Seine Geschichten sollten nicht verloren gehen

Als mein Mann noch lebte, schrieb auch er.

Eines Tages zeigte er mir das Manuskript zu Erlenhof. Er hatte eine Geschichte geschrieben, aber daraus war noch kein veröffentlichtes Buch geworden. Ich nahm sein Manuskript, brachte es in Buchform und ließ es veröffentlichen.

Er wusste zunächst nichts davon.

Zum Geburtstag schenkte ich ihm schließlich sein eigenes Buch: Erlenhof.

Später begann er an weiteren Geschichten zu arbeiten. Es entstand das Manuskript zu Sempre Toscana, und auch eine Fortsetzung von Erlenhof nahm Gestalt an. Doch beide konnte er nicht mehr zu Ende schreiben.

Nach seinem Tod blieben die Manuskripte zurück.

Lange Zeit konnte ich sie nicht einmal anfassen. Es waren nicht einfach nur Dateien oder beschriebene Seiten. Darin waren seine Gedanken, seine Figuren und seine Geschichten. Vielleicht waren sie mir gerade deshalb zu nahe.

Erst Jahre später war ich so weit.

Ich nahm die Manuskripte wieder zur Hand und begann zu lesen. Und irgendwann fasste ich den Entschluss, wenigstens eine dieser Geschichten zu vollenden.

Sempre Toscana

Sempre Toscana war unvollendet geblieben. Ich musste mich deshalb auf eine besondere Weise mit seinem Text auseinandersetzen. Ich wollte die Geschichte nicht einfach übernehmen und daraus meine eigene machen. Ich wollte versuchen, das, was er begonnen hatte, zu einem Ende zu führen.

Inzwischen habe ich Sempre Toscana zu Ende geschrieben und veröffentlicht.

Damit ist aus einem unvollendeten Manuskript meines Mannes doch noch ein vollständiges Buch geworden. Natürlich kann niemand wissen, wie er selbst die Geschichte beendet hätte. Mein Ende kann deshalb nur mein Versuch sein, den Weg weiterzugehen, den er begonnen hatte.

Und Erlenhof?

Bei Erlenhof ist dieser Weg noch nicht abgeschlossen.

Der bereits veröffentlichte erste Band soll von mir noch einmal überarbeitet werden. Und dann gibt es noch das Manuskript zu Erlenhof – Band 2, das mein Mann nicht mehr vollenden konnte.

Diese Arbeit liegt noch vor mir.

Vielleicht braucht gerade Erlenhof noch etwas Zeit. Denn es war dieses Buch, mit dem alles begann: mit einem Manuskript meines Mannes und meiner Idee, daraus heimlich ein richtiges Buch zu machen und es ihm zum Geburtstag zu schenken.

Heute haben diese Bücher deshalb für mich eine Bedeutung, die weit über ihre Geschichten hinausgeht.

Erlenhof und Sempre Toscana erinnern mich an einen Menschen, der selbst Geschichten erzählen wollte. Und sie erinnern mich daran, dass Geschichten manchmal länger bleiben als der Mensch, der sie begonnen hat.

Manche Geschichten müssen warten, bis jemand bereit ist, die alten Seiten wieder aufzuschlagen.

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