Die alte Poststraße über die kurische Nehrung

Ein Weg von Königsberg nach Memel

Wer heute an die Kurische Nehrung denkt, sieht wahrscheinlich zuerst die hohen Dünen, das Kurische Haff, die Ostsee und die alten Fischerdörfer vor sich. Doch diese schmale Landzunge war über Jahrhunderte nicht nur Heimat für Fischer und Bauern. Über sie führte auch eine der bemerkenswertesten Verkehrsverbindungen Ostpreußens: die alte Poststraße von Königsberg nach Memel.

Schon lange bevor Eisenbahn, Dampfschiff und moderne Straßen das Reisen veränderten, waren Menschen auf diesem Weg unterwegs. Postreiter und später Postwagen brachten Briefe, Nachrichten und Reisende nach Norden und Süden. Die Verbindung führte von Königsberg über das Samland auf die Kurische Nehrung und weiter in Richtung Memel.

Dabei darf man sich unter einer „Poststraße“ nicht die befestigte Straße vorstellen, die wir heute mit diesem Begriff verbinden. Die Reisenden mussten sich den Gegebenheiten der Nehrung anpassen. Sand, Dünen, Wind und Wetter bestimmten den Weg.

Teilweise wurde sogar der feste, feuchte Sand am Ostseestrand genutzt, weil die Wagen dort besser vorankamen als im trockenen, tiefen Dünensand. Der Verlauf des Weges konnte sich deshalb verändern. An bestimmten Stellen kennzeichneten Pfähle die Strecke und halfen den Reisenden bei der Orientierung.

Poststationen auf der Nehrung

Entlang der Strecke entstanden Stationen, an denen Pferde gewechselt wurden und Reisende Rast machen konnten. Zu den bekannten Orten der Postverbindung gehörten unter anderem Rossitten, Nidden und Schwarzort.

Die Post brachte jedoch weit mehr als Briefe.

Mit ihr kamen Nachrichten aus Königsberg und Memel, Reisende erzählten von Ereignissen außerhalb der Nehrung, und für einen Augenblick verband sich das Leben der kleinen Fischerdörfer mit einer viel größeren Welt.

Eine berühmte Reisende auf diesem Weg war Königin Luise. Auf ihrer Flucht vor den napoleonischen Truppen gelangte die preußische Königsfamilie Anfang Januar 1807 über die Kurische Nehrung nach Memel. Königin Luise übernachtete dabei in Nidden.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Poststraße nach und nach ihre frühere überregionale Bedeutung. Neue Straßenverbindungen über das Festland, die Dampfschifffahrt auf dem Haff und schließlich die Eisenbahn veränderten den Verkehr grundlegend.

Doch der alte Weg verschwand damit nicht aus der Landschaft – und schon gar nicht aus der Erinnerung der Menschen.

Die Poststraße und „Licht über dem Haff“

Als ich an meinem Roman „Licht über dem Haff“ arbeitete, wurde mir immer stärker bewusst, dass die Menschen auf der Kurischen Nehrung zwar in einer besonderen und manchmal abgeschieden wirkenden Landschaft lebten, aber keineswegs von der Welt abgeschnitten waren.

Herta und Meta Prusseit, Otto zu Kunzen und Franz Heilemann bewegen sich in einer Landschaft, durch die seit Jahrhunderten Reisende gezogen waren.

Zur Zeit meiner Romanhandlung, Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die große Zeit der alten Poststraße bereits vorbei. Aber ihre Spuren waren noch vorhanden. Für die Menschen, die dort lebten, war sie Teil ihrer Heimat und ihrer Geschichte.

Gerade zu Otto zu Kunzen passt dieser Gedanke. Als Besitzer von Kunzen und als Mann, der mit der Geschichte dieser Landschaft verbunden ist, dürfte ihm die Bedeutung des alten Weges bekannt gewesen sein.

Und dann geschieht im Roman etwas, das diese alte Verbindung auf eine ganz andere Weise wieder sichtbar macht.

Im Jahr 1903 erhält Otto zu Kunzen ein Schreiben des Kaiserlichen Hofmarschallamtes. Kaiser Wilhelm II. beabsichtigt während seines Aufenthaltes in Ostpreußen, auf der Reise von Königsberg nach Memel auch bei Otto Station zu machen.

Wieder führt der Weg von Königsberg nach Memel.

Die Zeiten haben sich verändert, die alte Postkutsche gehört längst der Vergangenheit an – doch die jahrhundertealte Nord-Süd-Verbindung durch diese Landschaft besteht weiter.

Von „Licht über dem Haff“ nach „Tanz auf dem Vulkan“

Für meine Renda-Geschichten besitzt die alte Poststraße noch eine weitere, beinahe symbolische Bedeutung.

„Licht über dem Haff“ führt den Leser nach Sarkau und Kunzen auf der Kurischen Nehrung. In „Tanz auf dem Vulkan“ setzt sich die Geschichte in Memel fort.

Dazwischen liegt jener alte Weg:

Königsberg – Sarkau – Rossitten – Nidden – Memel.

Damit verbindet die historische Poststraße nicht nur Orte. Sie verbindet auch zwei Teile meiner Geschichte miteinander.

Menschen brechen auf, andere kommen zurück. Nachrichten erreichen die Nehrung. Familien verändern sich. Eine Generation folgt der nächsten.

Die Straße bleibt.

Vielleicht ist gerade das einer der Gründe, warum mich die Geschichte der Kurischen Nehrung so fasziniert: Hinter einer scheinbar stillen Landschaft verbergen sich unzählige Wege und Geschichten.

Die alte Poststraße ist einer davon.

Und wenn man heute auf einer historischen Karte ihren Verlauf betrachtet, kann man sich vielleicht noch vorstellen, wie dort einst ein Postwagen durch den Sand zog – zwischen Ostsee und Haff, auf dem langen Weg nach Memel.


Paul Martín

„Licht über dem Haff“ – Geschichten von Menschen auf der Kurischen Nehrung, von Heimat, Liebe und Aufbruch.
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Die Geschichte führt in „Tanz auf dem Vulkan“ weiter nach Memel.
Tanz auf dem Vulkan
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2 Kommentare zu „Die alte Poststraße über die kurische Nehrung“

  1. Hallo Herr Martin,

    mein Großvater, der wie ich auch Reinhold Schlimm hieß, ist im Sommer 1914, kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs, als 18-Jähriger zu Fuß von Memel über die Kurische Nehrung nach Rantau im Samland gewandert, teils in Begleitung und teils allein. Darüber hat er in den 1920er-Jahren einen Reisebericht geschrieben, der nach meiner Vermutung das 1 . Kapitel seiner – dann aber nie niedergeschriebenen – Kriegserlebnisse in Buchform bilden sollte. Diesen (sonderbar blumigen, aber dennoch gut nachvollziehbaren) Text über seine damalige Wanderung über die Nehrung könnte ich Ihnen einmal per Mail zuschicken, nachdem ich ihn vor 2 Jahren abgetippt hatte.

    1. Lieber Herr Schlimm,

      herzlichen Dank für Ihren interessanten Kommentar. Das klingt für mich außerordentlich spannend. Eine Wanderung eines 18-Jährigen im Sommer 1914 von Memel über die Kurische Nehrung bis nach Rantau – noch dazu unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs – ist ein wunderbares Zeitzeugnis.

      Sehr gern würde ich den Reisebericht Ihres Großvaters lesen. Gerade die persönlichen Beobachtungen über Orte, Landschaft und Menschen interessieren mich sehr, denn solche Erinnerungen vermitteln oft etwas, das historische Darstellungen allein nicht wiedergeben können.

      Sie dürfen mir den von Ihnen übertragenen Text sehr gern per E-Mail zusenden. Vielleicht ergeben sich daraus sogar interessante Ergänzungen zu meinen „Geschichten aus Ostpreußen“. Selbstverständlich würde ich nichts daraus veröffentlichen, ohne dies vorher mit Ihnen abzusprechen.

      Vielen Dank für Ihr Angebot – ich bin wirklich neugierig auf den Bericht Ihres Großvaters.

      Herzliche Grüße
      Paul Martín

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Fotos, Dokumente oder längere Erinnerungen können Sie mir gern per E-Mail senden: paul_martin1@gmx.net
Für kurze Ergänzungen nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.

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