Die Cranzer Eisenbahn – von der Ostsee nach Königsberg

Wer heute an die Kurische Nehrung denkt, hat wahrscheinlich zuerst Dünen, Haff, Ostsee und die kleinen Fischerdörfer vor Augen. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte die Eisenbahn auch hier das Reisen erheblich.

Am 31. Dezember 1885 nahm die Königsberg-Cranzer Eisenbahngesellschaft ihre rund 28 Kilometer lange Strecke zwischen Königsberg und dem Ostseebad Cranz in Betrieb. Damit war Cranz direkt mit der ostpreußischen Provinzhauptstadt verbunden.

Für Cranz war die Bahn von großer Bedeutung. Aus Königsberg konnten Badegäste nun vergleichsweise bequem an die Ostsee gelangen. Später wurde das Netz erweitert: 1895 kam die kurze Verbindung von Cranz nach Cranzbeek am Kurischen Haff hinzu. Von dort bestand Anschluss an die Schifffahrt auf dem Haff und damit auch in Richtung Kurische Nehrung.

Bernhards Reise in Licht über dem Haff

Bei meinen Recherchen für Licht über dem Haff wurde mir bewusst, welche Bedeutung diese Bahn auch für die Menschen auf und nahe der Nehrung gehabt haben muss. Deshalb findet sie ihren Platz im Roman.

Bernhard Prusseit hat einen schwierigen Entschluss gefasst. Seine Tochter Herta hat ihn um etwas gebeten, das ihn schließlich zu seinem alten Kameraden Wilhelm zu Kunzen nach Königsberg führt.

Georg bringt Bernhard mit dem Pferdewagen durch die winterlichen Kiefernwälder bis nach Cranz. Dort wartet bereits der Zug.

Im Roman heißt es:

„Der Bahnhof von Cranz lag wie ein dunkler Einschnitt im Schnee. Die Lok stand bereits unter Dampf, ihr schwarzer Körper glänzte im fahlen Licht, und die Räder knarrten leise in der Kälte.“

Bernhard nimmt auf einer harten Holzbank Platz. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Die verschneite Landschaft zieht an ihm vorbei, während er darüber nachdenkt, was ihn in Königsberg erwartet.

Für mich sind es gerade solche historischen Einzelheiten, die eine vergangene Welt wieder lebendig machen. Eine Eisenbahnstrecke ist eben nicht nur eine Linie auf einer alten Karte. Menschen fuhren mit ihr zur Arbeit, zu Verwandten, an die See – oder, wie Bernhard in meinem Roman, zu einem Gespräch, das das weitere Leben seiner Familie beeinflussen sollte.

Die Cranzer Eisenbahn verbindet deshalb in Licht über dem Haff zwei Welten: die Landschaft an der Kurischen Nehrung und das städtische Königsberg.

Auch dieser kleine Beitrag ist aus den Recherchen entstanden, die ich für meine Romane über Ostpreußen durchgeführt habe. Vieles davon findet im Roman nur in wenigen Zeilen Platz. Doch hinter diesen Zeilen verbirgt sich manchmal eine ganze Geschichte.

Paul Martín

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