Mein Freund – Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit

Es gibt Bücher, die man schreibt, weil man eine Geschichte erzählen möchte.

Und es gibt Bücher, die man irgendwann schreiben muss, weil ein Mensch und eine gemeinsame Zeit nicht einfach verschwinden sollen.

„Mein Freund“ ist ein solches Buch.

Mein Freund und ich kannten uns schon aus der Grundschule. Später verloren wir uns aus den Augen, bis wir uns während meines Studiums wiederbegegneten. Aus diesem Wiedersehen entstand eine Freundschaft, die für mich sehr viel bedeutender wurde, als ich damals aussprechen konnte.

Wenn ich heute an meinen Freund denke, sehe ich ihn noch immer vor mir: sein blondes Haar, sein fröhliches Lachen und fast immer eine Zigarette in der Hand.

Und mit ihm kommt eine ganze Zeit zurück.

Das West-Berlin der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Unsere Abende beim Billard am Kurfürstendamm. Die Kochkurse bei der BEWAG. Das Fotolabor in der Gropiusstadt. Der Irish Pub. Konzerte und Theater. Nächte, die irgendwann im Café Stresemann bei einer Kartoffelsuppe endeten. Unsere Reisen nach Königswinter, Bayern und Österreich. Pellworm. Bad Berneck.

Es sind erstaunlicherweise nicht die großen Ereignisse, an die ich mich am stärksten erinnere.

Es sind Kleinigkeiten.

Wir hatten beispielsweise die Angewohnheit, nach einem Besuch beim anderen das Telefon einmal klingeln zu lassen, wenn wir wieder sicher zu Hause angekommen waren. Eines Nachts vergaß ich es und schlief ein. Mein Freund machte sich solche Sorgen, dass er mich gegen zwei Uhr morgens anrief.

Diese kleine Geschichte sagt heute vielleicht mehr über unsere Freundschaft aus als vieles andere.

Wir waren uns sehr nahe. Aber wir lebten in einer Zeit, in der vieles nicht ausgesprochen wurde. Auch von mir nicht.

Als wir gemeinsam in der Kurbel „Taxi zum Klo“ sahen, begegnete mir auf der Leinwand zum ersten Mal etwas, das mit meinem eigenen Leben zu tun hatte. Neben mir saß ausgerechnet der Mensch, von dem ich am liebsten gewusst hätte, was er dabei empfand.

Ich habe ihn nicht gefragt.

Diese Antwort habe ich nie bekommen.

Dann kam Bad Berneck. Meine Eltern erfuhren von dem Verdacht, ich könne schwul sein. Mein Freund wurde von ihnen zur vorzeitigen Abreise gedrängt, während ich zunächst überhaupt nicht verstand, weshalb er plötzlich fort war.

Kurz darauf begann mein Leben eine vollkommen andere Richtung einzuschlagen.

Wir verloren uns dennoch nicht. Auch mein Freund heiratete später. Unsere Frauen verstanden sich, und wir blieben noch Jahre Teil des Lebens des anderen. Aber diese spätere Geschichte erzähle ich in diesem Buch nicht.

„Mein Freund“ erzählt von den Jahren davor. Von uns, als wir jung waren.

Mein Freund starb viel zu früh. Er wurde nur 55 Jahre alt.

Bis heute war ich nicht an seinem Grab.

Vielleicht liegt es daran, dass der Mensch, den ich in mir trage, dort für mich nicht zu finden ist.

Ich sehe ihn woanders.

Im Billardsalon.
Im Kino.
Auf einer Reise.
Mit einer Zigarette in der Hand.
Lachend neben mir.

Beim Schreiben dieses Buches sind viele dieser Bilder wieder lebendig geworden. Manche hatte ich fast vergessen. Andere waren offenbar die ganzen Jahrzehnte über da und warteten nur darauf, wieder hervorgeholt zu werden.

Deshalb ist „Mein Freund“ für mich mehr als ein Buch.

Es ist mein Dank an einen Menschen, der einmal einen sehr wichtigen Platz in meinem Leben hatte.

Und vielleicht auch die Antwort auf eine Frage, die man sich erst stellt, wenn viele Jahre vergangen sind:

Was bleibt von einem Menschen, wenn die gemeinsame Zeit längst vorbei ist?

Bei meinem Freund weiß ich die Antwort.

Die Erinnerung bleibt

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