Nidden – das Künstlerdorf auf der Kurischen Nehrung

Wer heute an die Kurische Nehrung denkt, sieht Dünen, Kiefern, das Haff und die Ostsee vor sich. Doch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entdeckten noch andere Menschen diese besondere Landschaft für sich: Maler, Schriftsteller und Künstler.

Nidden wurde zu einem der bemerkenswertesten Künstlerorte Ostpreußens.

Das besondere Licht von Nidden

Es war vor allem die Landschaft, die die Künstler anzog. Die hohen Dünen, das wechselnde Licht über dem Haff, die Fischerhäuser und die Weite zwischen Wasser und Himmel boten Motive, die sich mit jeder Tageszeit veränderten.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kamen immer mehr Künstler nach Nidden. Einen wichtigen Mittelpunkt bildete der Gasthof von Hermann Blode, der 1867 gegründet worden war. Blode wurde zum Förderer und Gastgeber der Künstler; um 1900 hatte sich Nidden als Künstlerkolonie etabliert. Mehrere hundert Maler und Grafiker sollen sich im Laufe der Jahrzehnte dort aufgehalten haben. Zu ihnen gehörten unter anderem Lovis Corinth, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Bischoff-Culm und später Ernst Mollenhauer.

Auch die Königsberger Kunstakademie spielte dabei eine Rolle. Professoren schickten ihre Schüler auf die Nehrung, damit sie dort das besondere Zusammenspiel von Licht und Landschaft studierten. Lovis Corinth malte bereits 1893 den Friedhof von Nidden; Max Pechstein kam 1909 erstmals nach Nidden.

Wilhelmine und Albrecht von Schöneck in Nidden

Bei meinen Recherchen für Licht über dem Haff hat mich diese Welt so fasziniert, dass sie Eingang in den Roman gefunden hat.

Wilhelmine und Albrecht von Schöneck zieht es immer wieder nach Nidden. Wilhelmine empfindet die Landschaft dabei nicht einfach als schönes Reiseziel. Das Licht, die Dünen und die Begegnung mit den Künstlern werden für sie zu etwas sehr Persönlichem.

1909 besucht das Paar zunächst Otto und Herta auf Kunzen. Wilhelmine ist hochschwanger und äußert einen besonderen Wunsch: Bevor ihr Kind geboren wird, möchte sie noch einmal nach Nidden – zu den Malern, zu den Dünen und zu jenem Licht, das ihr zum inneren Trost geworden ist.

Albrecht und Wilhelmine reisen weiter über die Nehrung nach Nidden.

Dort begegnen sie der Welt der Künstler und erwerben Bilder. Als sie anschließend nach Kunzen zurückkehren, werden die Leinwände in den Salon getragen. Im Roman verändert sich dadurch beinahe die Atmosphäre des Raumes – als sei etwas von der Dünenlandschaft Niddens mit ihnen nach Kunzen gekommen.

Ein Bild bleibt auf Kunzen

Eine der für mich schönsten Verbindungen zwischen Nidden und Kunzen entsteht durch eine kleine Strandstudie.

Albrecht erklärt Otto und Herta, dass dieses Bild nicht mit nach Schöneck reisen soll. Es soll auf Kunzen bleiben – als Zeichen der Freundschaft und Dankbarkeit.

Wilhelmine sagt dazu:

„Dann bleibe nicht nur die Erinnerung hier, sondern auch ein Teil des Lichts von Nidden.“

Und Herta antwortet:

„Damit bleibt ein Teil von Nidden hier.“

So verbindet in meinem Roman ein Gemälde zwei Orte miteinander: das Künstlerdorf Nidden und das Haus der Familie zu Kunzen.

Eine Verbindung, die weiterlebt

Die Künstlerkolonie taucht sogar später in der Geschichte der Familie wieder auf.

In Tanz auf dem Vulkan erzählt Ludwig von Schöneck, dass seine Eltern häufig ihre Ferien in der Künstlerkolonie Nidden verbrachten und dort nach jungen Künstlern suchten. Auch die Erinnerung an Lovis Corinth und dessen Verbindung zu Nidden wird innerhalb der Familiengeschichte weitergetragen.

Damit wird Nidden in meinen Romanen mehr als ein Schauplatz.

Es ist ein Ort, an dem sich wirkliche Geschichte und erfundene Familiengeschichte begegnen.

Und vielleicht erklärt gerade das, weshalb Nidden bis heute eine solche Faszination besitzt. Die Menschen, die damals dort malten, sind verschwunden. Viele ihrer Bilder gingen verloren. Die politische Welt, zu der Nidden gehörte, existiert nicht mehr.

Aber das Licht über den Dünen und dem Haff ist geblieben.

Und mit ihm die Erinnerung an eine Zeit, in der ein kleines Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung zu einem Treffpunkt der Kunst wurde.

Paul Martín

Die Künstlerkolonie Nidden und die Familie von Schöneck spielen in meinen Romanen „Licht über dem Haff“ und „Tanz auf dem Vulkan“ eine Rolle.

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