Manche Themen sucht man sich nicht aus.
Sie kommen einfach ins eigene Leben, bleiben dort und lassen einen nicht mehr los.
So ist es bei mir mit Ostpreußen.
Lange bevor ich begann, darüber zu schreiben, lange bevor Orte wie die Kurische Nehrung, das Haff oder Königsberg für mich zu Schauplätzen meiner Romane wurden, war da bereits etwas, das ich nicht recht erklären konnte: eine seltsame Vertrautheit, ein inneres Erinnern, das keinen klaren Ursprung hatte und mich doch nie ganz verließ.
Vor vielen Jahren nahm ich an einer Seelenreinigung teil. Dabei wurde mir eine Szene aus einem möglichen früheren Leben geschildert, die in Ostpreußen spielte. Ich wusste damals nicht, was ich davon halten sollte. Vielleicht hätte ich es auch wieder vergessen können. Aber ich vergaß es nicht. Etwas daran blieb in mir zurück.
Es war, als hätte sich eine Tür geöffnet zu einer Landschaft, die ich nie bewusst gekannt hatte und die mir doch nah war.
Später, als ich mich immer intensiver mit Ostpreußen beschäftigte, mit seinen Orten, seiner Geschichte und seinen Verlusten, empfand ich immer wieder dieses leise, schwer erklärbare Gefühl: Das alles ist mir nicht fremd.
Besonders tief berührt mich bis heute die Vorstellung eines Todes in Ostpreußen, an genau jenem Ort, an dem später auch Jons in meiner Geschichte stirbt. Warum gerade dort, warum gerade dieses Bild, kann ich nicht erklären. Aber es hat mich nie losgelassen.
Und dann war da Blinka.
Schon seit meiner Kindheit war mir dieser Name vertraut. Ich wusste einfach, dass da ein Pferd war, das so hieß. Ich konnte nicht sagen, woher ich das wusste. Es gab keinen vernünftigen Grund dafür. Und doch war dieser Name in mir, still und selbstverständlich, als gehöre er zu einer Erinnerung, die älter war als mein bewusstes Leben.

Das Bild neben diesem Abschnitt zeigt Jons mit Blinka. Es ist eine Illustration aus meinem Roman „Tanz auf dem Vulkan“, in dem Jons und Blinka eine wichtige Rolle spielen.
Mehr über das Buch:
Tanz auf dem Vulkan – über das Buch
Als Blinka später in meinen Geschichten wieder auftauchte, war das für mich kein bloßer Einfall. Es fühlte sich eher an wie ein Wiederfinden. So, als wäre etwas, das lange verborgen war, wieder an die Oberfläche gekommen.
Ich weiß, dass sich so etwas nicht beweisen lässt.
Und ich möchte auch niemanden überzeugen.
Ich kann nur sagen, dass diese Empfindungen für mich wirklich sind. Sie haben mich über viele Jahre begleitet. Vielleicht ist es genau das, was meine Verbindung zu Ostpreußen so besonders macht: dass dort für mich Geschichte, Verlust, Sehnsucht und etwas sehr Persönliches ineinander übergehen.
Hinzu kommt, dass die Familie meines verstorbenen Mannes aus Ostpreußen stammte und bereits 1929 von dort nach Westen kam. Auch dadurch war Ostpreußen für mich nie nur ein historischer Begriff. Es war immer auch mit Menschen, Schicksalen und Erinnerungen verbunden.
Vielleicht schreibe ich deshalb über Ostpreußen nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch, den dieses Land auf eine Weise berührt, die tiefer geht als bloßes Interesse an Geschichte.
Für manche mag es eine ferne, versunkene Welt sein.
Für mich ist es mehr.
Es ist ein Ort der Erinnerung.
Ein Ort der Sehnsucht.
Und vielleicht auch ein Ort, aus dem etwas in mir stammt, das bis heute weiterlebt.
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