Als der Wald verschwand

Als der Wald verschwand – wie die Wanderdünen der Kurischen Nehrung entstanden

Wer heute die Kurische Nehrung besucht, erlebt ausgedehnte Kiefernwälder, gewaltige Dünen und eine Landschaft, die beinahe unberührt erscheint.

Doch dieses Bild täuscht.

Die Landschaft der Nehrung wurde über Jahrhunderte hinweg vom Menschen verändert. Und zeitweise waren die Eingriffe so gravierend, dass der Sand ganze Dörfer unter sich begrub.

Der Wald wurde zum Rohstoff

Noch im Mittelalter waren große Teile der Kurischen Nehrung bewaldet. Die Vegetation hielt den Sand fest und schützte die schmale Landzunge zwischen Ostsee und Kurischem Haff vor der Kraft des Windes.

Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Nutzung änderte sich das.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert wurden die Wälder immer stärker in Anspruch genommen. Holz wurde unter anderem für den Schiffbau, die Glasherstellung und andere Gewerbe benötigt. Auch Holzkohle und Pottasche waren begehrte Rohstoffe.

Im 17. und 18. Jahrhundert setzte sich der intensive Holzeinschlag fort.

Die Folgen waren verheerend: Wo der schützende Wald verschwunden war, lag der Sand frei. Der Wind konnte ihn aufnehmen und über die Nehrung treiben.

Die Dünen begannen zu wandern.

Waren die Russen schuld?

Immer wieder begegnet man der Behauptung, russische Truppen hätten während der Besetzung Ostpreußens im Siebenjährigen Krieg die Wälder der Kurischen Nehrung abgeholzt und dadurch die Wanderdünen verursacht.

So einfach war es jedoch nicht.

Die Entwaldung hatte bereits lange vor dem Siebenjährigen Krieg begonnen. Allerdings wurden die Wälder während der Kriegsjahre nochmals erheblich geschädigt.

Die russische Besatzungszeit war deshalb nicht der Beginn der Entwaldung, sondern eine weitere Phase innerhalb einer Entwicklung, die schon seit Jahrhunderten andauerte.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer komplizierten historischen Entwicklung im Laufe der Zeit eine einfache Erzählung werden kann: „Die Russen holzten den Wald ab, und danach kamen die Wanderdünen.“

Die tatsächliche Geschichte ist wesentlich vielschichtiger.

Als der Sand die Dörfer erreichte

Mit dem Verschwinden der Vegetation setzte sich der Sand immer stärker in Bewegung.

Gewaltige Dünen wanderten über die Nehrung. Äcker und Weideflächen verschwanden. Wege mussten verlegt werden. Häuser wurden aufgegeben.

Schließlich wurden sogar ganze Siedlungen vom Sand begraben.

In den Unterlagen zum UNESCO-Welterbe ist von den Spuren 13 verschütteter Fischerdörfer die Rede.

Eines dieser Schicksale kennen die Leser meiner „Geschichten aus Ostpreußen“ bereits:

Kunzen.

Das alte Kunzen wurde über Jahrzehnte vom Sand bedrängt. Schließlich mussten die Bewohner den Ort aufgeben. 1825 galt die Verschüttung des alten Dorfes als vollendet.

Damit bekommt die Geschichte „Kunzen – ein Dorf, das zweimal verschwand“ einen größeren Zusammenhang.

Kunzen war kein Einzelfall.

Der Mensch musste reparieren, was der Mensch verändert hatte

Im 19. Jahrhundert wurde immer deutlicher, dass Teile der Kurischen Nehrung kaum dauerhaft bewohnbar bleiben würden, wenn es nicht gelang, die Bewegung des Sandes aufzuhalten.

Nun begann eine gewaltige Landschaftsarbeit.

Reisig wurde ausgelegt und zu Barrieren verarbeitet. Gräser wurden angepflanzt, um den Sand festzuhalten. Später wurden große Flächen wieder aufgeforstet.

An der Ostseeseite entstand außerdem eine künstlich aufgebaute Vordüne, die verhindern sollte, dass ständig neuer Sand vom Strand ins Innere der Nehrung geweht wurde.

Über Generationen hinweg veränderten diese Arbeiten die Landschaft erneut.

Einer der Männer, deren Name bis heute mit diesem Kampf gegen den Sand verbunden ist, war Wilhelm Franz Epha.

Bei Pillkoppen widmete er sich der Befestigung der gewaltigen Wanderdünen. Sein Name lebt in der Epha-Höhe fort.

Und damit führt diese Geschichte unmittelbar zu einem weiteren Ort, der auch in meinen Romanen eine Rolle spielt:

Pillkoppen – Ephas Düne und der Kampf gegen den wandernden Sand.

Eine Landschaft, die der Mensch zweimal veränderte

Vielleicht ist gerade das die erstaunlichste Geschichte der Kurischen Nehrung.

Der Mensch trug zunächst dazu bei, dass aus einer bewaldeten Landschaft eine vom Flugsand bedrohte Dünenlandschaft wurde.

Generationen später mussten Menschen mit ungeheurem Aufwand versuchen, diese Entwicklung wieder aufzuhalten.

Deshalb sind auch die Wälder, die wir heute auf großen Teilen der Nehrung sehen, keineswegs nur Überreste einer ursprünglichen Naturlandschaft.

Sie erzählen von Nutzung und Zerstörung, von wanderndem Sand und verschütteten Dörfern – aber auch von Wiederaufforstung und dem Versuch, eine ganze Landschaft zu retten.

Und irgendwo unter den Dünen liegen noch heute die Spuren jener Orte, die diesen Kampf verloren haben.

Paul Martín

Geschichten aus Ostpreußen


Quellen

UNESCO World Heritage Centre – Curonian Spit
Überblick über die historische Entwaldung, die daraus resultierenden Wanderdünen sowie die späteren Maßnahmen zur Stabilisierung und Wiederaufforstung.
UNESCO – Curonian Spit

UNESCO/ICOMOS – Curonian Spit, historische Dokumentation
Ausführlichere Darstellung der wirtschaftlichen Waldnutzung seit dem 16. Jahrhundert und der Entwicklung der Dünenlandschaft.
UNESCO-Dokumentation zur Kurischen Nehrung

IUCN/UNESCO – Evaluation Curonian Spit
Unter anderem zur Überformung der Landschaft und den Spuren der vom Sand verschütteten Fischerdörfer.
IUCN/UNESCO – Curonian Spit

UNESCO – ergänzende historische Unterlagen
Zur Entwicklung der Waldzerstörung einschließlich der zusätzlichen Schäden während des Siebenjährigen Krieges.
UNESCO – historische Unterlagen

Ostpreussen.net – Pillkoppen
Zur Geschichte Pillkoppens und zu Wilhelm Franz Ephas Arbeiten an der Dünenbefestigung.
Pillkoppen und Epha

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