Mitten im Pregel lag einst eine Welt für sich: der Kneiphof, eine der drei historischen Städte, aus denen Königsberg hervorging. Auf der dicht bebauten Insel drängten sich Bürgerhäuser, Geschäfte und Gasthäuser aneinander. Über mehrere Brücken war sie mit den anderen Teilen Königsbergs verbunden. Über allem erhob sich der Königsberger Dom.
Wer heute Bilder des alten Kneiphofs betrachtet, sieht eine Stadtlandschaft, die kaum noch vorstellbar ist. Schmale Straßen führten zwischen mehrgeschossigen Häusern hindurch, Fuhrwerke und später Automobile überquerten die Brücken, Menschen gingen ihren täglichen Geschäften nach. Der Dom war dabei nicht nur weithin sichtbares Wahrzeichen, sondern Teil eines lebendigen Stadtviertels.
Der Kneiphof war über Jahrhunderte ein Zentrum Königsbergs. Bereits im Mittelalter hatte sich hier eine eigenständige Stadt entwickelt. Erst 1724 wurden Altstadt, Löbenicht und Kneiphof zur Stadt Königsberg vereinigt.
Das Stadthaus der Baronin
Als ich für meine Romane eine Königsberger Heimat für die Familie zu Kunzen brauchte, erschien mir der Kneiphof als der richtige Ort.
So entstand in meiner Vorstellung das Stadthaus der Baronin am Großen Domplatz.
Das Haus selbst ist Teil meiner Romanwelt. Doch ich wollte es so in das historische Königsberg einfügen, dass man sich vorstellen kann, es hätte dort tatsächlich gestanden: ein repräsentatives Stadthaus mit hohen Fenstern und schweren Läden, einem großen Portal und einer Kutscheneinfahrt an der Seite. Vor der Tür das Pflaster des Domplatzes – und nur wenige Schritte entfernt der mächtige Dom.
Plötzlich kann ich diesen Ort, den ich beim Schreiben lange nur vor meinem inneren Auge gesehen habe, selbst betrachten.
Hier könnten Herta und Otto zu Kunzen aus der Kutsche gestiegen sein. Hier hätte die Baronin ihr Haus verlassen können, um wenige Häuser weiter ihr Kaffeehaus zu besuchen. Und hinter diesen Fenstern spielten sich Teile der Familiengeschichte ab.
Das Stadthaus verbindet dabei mehrere meiner Bücher.
In „Licht über dem Haff“ führt der Weg von der Kurischen Nehrung immer wieder nach Königsberg und zur Familie zu Kunzen. In „Tanz auf dem Vulkan“ begegnen wir dem Stadthaus auf dem Kneiphof erneut. Und noch viel später bekommt dieser Ort in „Vergangene Leben“ eine besondere Bedeutung: Die Erinnerung an das Haus führt zurück in eine Stadt, die es in dieser Form nicht mehr gibt.
Als der Kneiphof unterging
Im August 1944 trafen britische Luftangriffe Königsberg schwer. Besonders die historische Innenstadt wurde verwüstet. Auch der Kneiphof wurde nahezu vollständig zerstört. Von der dichten Bebauung der Dominsel blieb kaum etwas erhalten.
Damit verschwand nicht nur eine Ansammlung alter Häuser. Ein über Jahrhunderte gewachsenes Stadtviertel mit seinen Straßen, Geschäften, Wohnungen und alltäglichen Wegen hörte auf zu existieren.
Der Dom überstand die Zerstörung als Ruine und wurde Jahrzehnte später wiederaufgebaut. Doch wer die Insel heute besucht, findet dort nicht mehr das Häusermeer des alten Kneiphofs.
Gerade deshalb faszinieren mich alte Fotografien, Karten und Berichte über Königsberg. Sie geben einer verschwundenen Stadt für einen Augenblick ihre Straßen und Häuser zurück.
Und manchmal geschieht beim Schreiben etwas Ähnliches.
Ein historischer Ort wird zur Bühne einer erfundenen Familiengeschichte – und plötzlich öffnen sich wieder Türen in Häusern, die längst verschwunden sind.
Der Kneiphof und Königsberg spielen in mehreren meiner Romane eine Rolle, insbesondere in „Licht über dem Haff“, „Tanz auf dem Vulkan“ und „Vergangene Leben“.
Paul Martín
Fotos, Dokumente oder längere Erinnerungen können Sie mir gern per E-Mail senden: paul_martin1@gmx.net
Für kurze Ergänzungen nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.