Kunzen – ein Dorf, das zweimal verschwand

Bei meinen Recherchen für meinen Roman Licht über dem Haff bin ich immer wieder auf Orte gestoßen, deren Geschichte mich selbst überrascht hat. Einer davon ist Kunzen auf der Kurischen Nehrung.

Wer heute auf einer Karte nach Kunzen sucht, findet einen Namen, aber kaum noch einen Ort. Dabei erzählt gerade Kunzen eine Geschichte, wie sie wohl nur auf der Kurischen Nehrung möglich war: Ein Dorf verschwand unter dem Sand, wurde Jahrzehnte später an anderer Stelle neu gegründet – und verschwand schließlich ein zweites Mal.

Das alte Kunzen

Kunzen gehörte zu jenen Siedlungen der Kurischen Nehrung, deren Bewohner über Generationen mit einer Landschaft leben mussten, die sich ständig veränderte.

Der Sand war dabei nicht nur Teil dieser Landschaft. Er konnte zur Bedrohung werden. Durch die Bewegung der Dünen wurden Häuser, Wege und schließlich ganze Siedlungsbereiche gefährdet. Auch die Kirche von Kunzen musste aufgegeben werden.

Über Jahrzehnte kämpften die Menschen gegen den vordringenden Sand. Doch dieser Kampf war nicht zu gewinnen. 1825 galt die Verschüttung des alten Kunzen als vollendet.

Das Dorf war verschwunden.

Doch sein Name blieb.

Ein neues Kunzen entsteht

Vierzig Jahre später begann die Geschichte noch einmal.

1865 entstand ein neues Kunzen. Südlich von Rossitten wurden zunächst vier Familien angesiedelt. Sie erhielten Häuser mit Scheunen und Ställen, etwas Land sowie Fischerei- und Weiderechte.

Es war keine große Ortschaft. Im Gegenteil: Das neue Kunzen war eine winzige Ansiedlung inmitten der besonderen Landschaft zwischen Ostsee und Kurischem Haff.

Und genau dieses Kunzen ist für mich besonders interessant.

Denn dieses zweite Kunzen existierte in jener Zeit, in der ein Teil meines Romans Licht über dem Haff spielt.

Otto zu Kunzen und mein Roman

In Licht über dem Haff wird Kunzen deshalb mehr als nur ein Name auf einer historischen Karte.

Mit Otto zu Kunzen und seiner Familie wird der Ort Teil der Romanhandlung. Natürlich sind die Figuren und ihre persönlichen Schicksale Teil meiner literarischen Welt. Der Ort, in den ich sie hineingestellt habe, aber hat tatsächlich existiert.

Beim Schreiben hat mich gerade dieser Gedanke fasziniert: Dort, wo heute kaum noch etwas an eine Siedlung erinnert, standen Häuser. Menschen gingen ihrer Arbeit nach, hielten Tiere, fischten im Haff, begegneten ihren Nachbarn und blickten auf dieselbe Landschaft, die Besucher der Nehrung noch heute beeindruckt.

Für einen Schriftsteller ist das eine besondere Form der Spurensuche.

Aus einem Namen auf einer alten Karte entsteht langsam wieder ein Ort.

Und Kunzen verschwindet erneut

Auch dem zweiten Kunzen war keine dauerhafte Zukunft beschieden.

1894 wurde Kunzen nach Rossitten eingemeindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die nördliche Kurische Nehrung zur Sowjetunion. Der Ort erhielt später den Namen Krasnoretschje.

Doch auch diese Siedlung wurde schließlich aufgegeben.

Damit war Kunzen tatsächlich zweimal verschwunden: zuerst das alte Dorf unter dem Sand und später auch die neu gegründete Ansiedlung.

Und doch ist Kunzen nicht ganz verschwunden.

Der Name findet sich noch immer auf Karten. Die Geschichte des Ortes ist überliefert. Und Menschen, deren Familien von der Kurischen Nehrung stammen, tragen möglicherweise noch Erinnerungen und Erzählungen weiter.

Vielleicht ist es gerade das, was mich an der Kurischen Nehrung so fasziniert:

Orte können verschwinden – ihre Geschichten bleiben.

In meinem Roman Licht über dem Haff habe ich versucht, dieses Kunzen und die Welt der Menschen am Haff für eine Weile wieder lebendig werden zu lassen.

Haben Sie Erinnerungen an Kunzen?

Kennen Sie Kunzen aus den Erzählungen Ihrer Eltern oder Großeltern? Besitzen Sie vielleicht alte Fotografien? Oder kennen Sie Familien, die in Kunzen gelebt haben?

Dann würde ich mich sehr freuen, wenn Sie Ihre Erinnerung unten in den Kommentaren hinterlassen.

Paul Martín

Licht über dem Haff

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Fotos, Dokumente oder längere Erinnerungen können Sie mir gern per E-Mail senden: paul_martin1@gmx.net
Für kurze Ergänzungen nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.

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