Prolog
Hallo, mein Name ist Christoph Krüger. Ich wurde 1978 geboren, bin jetzt 37 Jahre alt und komme aus einer kleinen Stadt nördlich von Berlin. Ich habe zwar mein Abitur in der Tasche, aber nichts daraus gemacht. Musik zu machen war mir immer wichtiger, als irgendeinen Job zu erledigen. Natürlich sind meine Eltern darüber nicht glücklich, das muss ich zugestehen, aber es geht hier nicht um das Leben meiner Eltern. Ich bin nicht da, um meine Eltern glücklich zu machen, sondern ich muss in erster Linie mein Leben gestalten. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Kinder den Eltern nur geborgt werden und nicht übereignet. Es hat eine Weile gedauert, bis meine Eltern das kapiert hatten. Es brauchte eine Menge Geduld, bis ich sie davon überzeugt hatte, denn ich habe es ihnen oft genug klargemacht und irgendwann haben sie es dann einfach so akzeptiert.
Ich konnte schon Gitarre spielen, bevor ich das Einmaleins lernte. Ich habe es mir selbst beigebracht und dazu auch gesungen, na ja, vielleicht nicht so richtig gesungen, eher gekrächzt und gekreischt, zum Unwillen meiner Eltern und der Nachbarn im Haus. Die Gitarre bekam ich damals von Tante Anke geschenkt, von der noch zu erzählen sein wird, und ich klampfte wie wild darauf herum, sodass es ab und zu eine neue Saite zu kaufen gab. Als ich dann in die Schule kam, hatte mein Sitznachbar eine Trommel zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das war cool. Wir spielten mehr schlecht als recht zusammen und brachten uns im zweiten Schuljahr, als wir so ungefähr lesen konnten, die Noten selbst bei. Gut, unsere Klassenlehrerin förderte dies sicherlich auch, und extra für Lars und mich wurde eine AG gegründet. Musikalische Früherziehung wird das heute genannt, bei uns hieß das damals „Hebung des Niveaus der musikalischen Bildung und Erziehung sozialistischer Schülerpersönlichkeiten“ und hatte mit Erziehung eigentlich nicht so viel zu tun. Als ich dann zu Weihnachten einen Wunschzettel schreiben sollte, stand ganz oben eine Trommel, die ich natürlich nicht bekam. Stattdessen lagen unterm Baum eine Stimmgabel und ein Notenheft für Kinder.
Als wir in der vierten Klasse waren, schaffte die Schule natürlich wieder im Rahmen der Bildung und Erziehung sozialistischer Schülerpersönlichkeiten neben Blockflöten, Gitarren und Xylofon auch ein Schlagzeug an, und zwar so ein richtig echtes Drumset mit zwei Tomtoms, einer großen und einer kleinen Trommel sowie einem großen Ridebecken und einem Hi-Hat, auch Ständerbecken.
Das war eine tolle Zeit. In der fünften Klasse bildeten wir dann die erste Jugendband in einer Grundschule im ganzen Bezirk. Das war noch kurz vor der Wende, also in der ehemaligen DDR. Nun ist also auch das raus. Von Geburt her bin ich ein Ossi, wobei ich glücklich bin, dass dies heute keine große Rolle mehr spielt. Lars kam dann plötzlich nicht mehr zur Schule und ich hörte von anderen unter der Hand geflüstert, dass die Eltern mit ihm wohl in den Westen geflüchtet waren. Leider habe ich ihn bis heute nie wiedergesehen. Aber davon soll weiter keine Rede sein und ich schreibe dies auch nur auf, weil es für meinen weiteren Bericht eine Grundlage bildet.
Als dann die Wende kam, besorgten wir uns natürlich alle Westnoten, die es vorher nur als sogenannte Bückware gab. Dabei waren auch Noten mit Gesang zu „Careless Whisper“ von George Michael, ein Song, der 1984 die Hitparaden stürmte.
Als ich für den Englischunterricht den Song auswendig lernte und ihn als freies Schulprojekt vortrug, na ja, mehr hauchte als sang, wurde ich von den anderen Mitschülern gedrängt, in der Schulband den Gesangspart zu übernehmen. Unsere Musiklehrerin Cordelia Kleinschmidt gab mir nach dem Unterricht dann Gesangsunterricht. Die „Eins“ in Englisch und Musik war mir danach sicher.
So spiele ich auch jetzt immer noch in einer Band. Wir nennen uns „The Three Guys“, sicher nicht besonders kreativ, aber man kennt uns und wir werden mittlerweile oft zu irgendwelchen Festivitäten eingeladen. Meine Bandmitglieder heißen Tom und Frank. Mit ihnen ging ich später aufs Gymnasium und auch dort spielten wir in der Schulband zusammen, sodass bei manchen Auftritten die Wände wackelten und der Fußboden der Aula bebte.
Tom und Frank haben jetzt jeder ihren Job. Tom ist zwei Jahre älter als ich und mittlerweile Kfz-Meister, verheiratet, zwei Kinder. Frank, der Jüngste von uns, ist noch ledig, aber liiert und arbeitet als Hotelfachmann in Berlin. Frank ist immer noch der gutaussehende Schönling von uns dreien. Blonde Haare, blaue Augen, einen Dreitagebart und zwei Zentimeter größer als ich. Ich habe früher Frank immer beneidet – nicht dass er Frauen aufriss, nein, ich habe ihn um sein Aussehen beneidet, hatte ihn angeschmachtet, bis er mir seine Freundin vorstellte und ich aus dem Himmel fiel. So, nun ist auch das raus: Ich bin schwul, hatte einige Affären mit ganz gutaussehenden Männern, die mich aber alle nicht so wahrgenommen haben, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern denen es nur um die schnelle Nummer ging. Nur meine engsten Freunde und meine geliebte Tante Anke wissen es. Ich darf nicht daran denken, was meine Eltern für einen Tanz aufführen würden, wenn sie es wüssten.
Ich war dann oft in Berlin in der Schwulenszene – zunächst in der Schönhauser Allee und dann rund um die Motzstraße unterwegs –, bis dann hier in unserem Städtchen eine neue Bar aufmachte, das „Two Flowers“. Es entwickelte sich in den Jahren zur Anlaufstelle aller Gays, die nicht nach Berlin wollten, und sorgte so für manches Stirnrunzeln bei unseren Altvorderen.
Tom und Frank, also meine Mitmusiker, können von ihrer Arbeit gut leben und machen die Musik nebenberuflich. Ich habe keinen Job und habe mich auch nie so darum bemüht. Ich mache Musik – das aus vollem Herzen und mit voller Kraft. Leider reicht das zum Überleben oft nicht aus, sodass ich im Sommer nach Nebenjobs suche, was mich manchmal wirklich ankotzt. Und da kam dann Tante Anke ins Spiel, die es kurz nach der Wende der Liebe wegen nach Schleswig-Holstein gezogen hatte und wo sie seit einigen Jahren auch als Geschäftsführerin einer Kaffeestube arbeitet. Und zwar in Sankt Peter-Ording, einen Ort, den ich früher noch nicht mal auf der Landkarte suchte und der mein Leben nun vollkommen durcheinanderwirbeln sollte.
Meine Tante, also die Schwester meiner Mutter, hat also eine Kneipe in St. Peter-Ording. Das nennt sich „Café Holzstrand“ und dort kellnere ich ab und zu, wenn Not am Mann ist. Das ist es eigentlich oft, weil der Ort im Sommer ziemlich überlaufen ist.
Wieso ich das hier so genau alles aufschreibe, hat einen Grund. Ich habe nämlich einen Kerl kennengelernt in St. Peter-Ording, besser gesagt im Café Holzstrand. Er saß da in einem Strandkorb und sah ziemlich bedrückt aus, schaute in der Gegend herum, ohne etwas genau zu beobachten, und als ich ihn fragte, was er denn haben möchte, stand er kurz danach auf und lief einfach davon.
Danach ist eine Menge passiert. Ich kann nur so viel sagen, dass ich derzeit an seinem Krankenbett sitze und sein kaltes Händchen halte. Dieser Kerl, für den ich alles machen würde und auch machen werde, wollte sich nämlich einfach so aus dem Leben schleichen, weil dieses Leben ihm ganz harte Nüsse als zu bewältigende Aufgaben vor die Füße geworfen hat.
Und weil ich hier an seinem Krankenbett sitze, gehen mir die letzten Monate durch den Kopf und ich habe beschlossen, dies aufzuschreiben. Immer wenn ich ein Kapitel fertig habe, lese ich es ihm vor, damit mein Eisbär wieder aufwacht, denn nach der Reanimation durch zu große Tabletteneinnahme ist er aus dem künstlichen Koma, in das ihn die Ärzte versetzten, nicht mehr aufgewacht. Das war vor zwei Wochen, als mir die Ärzte diese erschütternde Mitteilung machten.
Ich werde um meinen Schatz kämpfen, was immer da draußen passiert. Doch ich will jetzt noch nicht alles verraten. Wenn irgendwann jemand anderes das liest, soll er wissen, dass es sich immer zu leben lohnt – trotz aller Widrigkeiten –, und es lohnt sich auch immer, zu sich selbst zu stehen. Jedenfalls glaube ich ganz fest daran, dass er wieder aufwachen wird, auch wenn alle ihn als verloren bezeichnen.