Zwischen Dämonen

Madrid, September 1975.


    Die Stadt wirkt in diesen Tagen angespannter als sonst. Man spürt es in den Blicken der Menschen, in den kurzen Sätzen, die sie wechseln, bevor sie verstummen. Die schwarzen Wagen der Geheimpolizei stehen in vielen Straßen wie ein Hinweis darauf, dass es jederzeit jemanden treffen kann.

    In dieser Nacht trifft es die Familie Martínez.
Kurz nach Mitternacht, ohne Vorwarnung, schlägt ein schwerer Rammbock gegen die Haustür. Das Holz splittert, Metall dröhnt. Im nächsten Moment füllen mehrere Beamte den Flur. Sie sprechen kaum, arbeiten nur mit schnellen Handzeichen und knappen Befehlen. Schubladen werden aufgerissen, Schränke ausgeräumt, Fotos fallen zu Boden.

    Der dreijährige Sebastián Thiago – Chano – steht im Schlafanzug im Gang.

    Er ist noch nicht ganz wach, aber das Geräusch der zerbrochenen Tür hat ihn aufrecht gerissen wie ein Blitz. Er sieht, wie sein Vater rückwärts gegen die Wand gedrückt wird, überrascht, nicht wehrhaft. Seine Mutter ruft nach ihm, doch zwei Männer halten sie fest, und ihre Stimme bricht mitten im Satz ab.

    Chano versteht kein Wort von dem, was gerufen wird, aber er merkt, dass alles falsch ist. Das Tempo, die Hände der Männer, die Härte in ihren Bewegungen. Er versucht, zu seiner Mutter zu laufen, doch jemand schiebt ihn beiseite, nicht brutal, aber rücksichtslos. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass niemand reagiert, wenn er ruft.

    Schwester Ximena ist ebenfalls im Haus – sie hatte den Eltern Medikamente gebracht.

Als sie das Kind sieht, zögert sie keine Sekunde. Sie geht in die Hocke, nimmt Chano an sich und zieht ihn aus dem unmittelbaren Chaos. Auf dem Tisch liegen verstreut ein paar Familienfotos. Sie sammelt sie wortlos ein, steckt sie in eine Innentasche ihres Gewands und geht mit dem Jungen zur Tür.

Draußen ist die Luft kühl, fast ruhig im Vergleich zu dem, was drinnen geschieht.

    Chano klammert sich an ihren Hals; er zittert, nicht vor Kälte, sondern weil er das Schreien und Poltern hinter sich nicht einordnen kann. Ximena hält ihn fester und geht mit schnellen, sicheren Schritten. Die Straßen sind leer, die Laternen werfen gelbliche Lichtkreise auf das Pflaster. Die Stadt wirkt, als schaue sie weg.

    Ihr Ziel ist das Orfanato de las Hijas del ángel caído.
Ein grauer Gebäudekomplex am Rand Madrids, sauber, aber ohne jede Wärme. Die Ordensfrauen dort kennen solche Nächte. Sie fragen nicht viel. Sie nehmen den Jungen entgegen, wickeln ihn in eine dünne Decke und tragen seinen Namen in ein Buch ein.

    Im Hintergrund, weit entfernt, aber noch hörbar, detoniert die Sprengladung, die das Haus der Martínez zerstört.

    Niemand erklärt Chano, was das bedeutet. Er sieht nur, wie die Nonne die Tür zum Schlafsaal öffnet, in dem die Betten eng stehen, und wie man ihm zeigt, welches nun seines ist.

    Damit beginnt sein Leben im Waisenhaus.
Nicht ohne Gefühle – sondern mit einer Mischung aus Erschöpfung, Verwirrung und einem stillen, kindlichen Versuch zu begreifen, warum eine Nacht so plötzlich alles verändern kann.

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