I. Teil – Schicksalsschläge
1. Kapitel – Der Anruf
Heute früh kommt der Anruf mitten in der Nacht. So gegen halb sechs. Ich sehe die Nummer, das Krankenhaus, in dem Christoph wegen einer Blutvergiftung im Bein liegt. Mein Leben, meine große Liebe, ist er. Es kam plötzlich, das Bein wurde dick und rot, und keiner von uns beiden wusste, warum. Der Notdienst brachte ihn weg und ich sah dem Wagen bestürzt hinterher.
„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann heute früh verstorben ist“, sagt die Telefonstimme am anderen Ende. Ich kann es nicht glauben. Gestern war ich noch mit Louis bei ihm im Krankenhaus und ich sah eine Besserung.
Und nun das. Ich fühle mich gelähmt, weiß nicht, was ich machen soll. Wie soll ich Louis erklären, dass sein anderer Papa nicht mehr da ist? Ich bekomme Schnappatmung. Ich sage diese Worte, die dann immer kommen: „Es kann doch nicht wahr sein, nein, Sie scherzen.“ Doch die Telefonstimme weiß, wie man damit umzugehen hat. Geübtes Verhalten nennen sie es.
„Es tut mir so unendlich leid, aber es ist die Wahrheit. Er hatte eine Lungenembolie. Die Reanimation schlug leider fehl.“
Wir waren gerade knapp vier Jahre verheiratet. Und jetzt ist alles vorbei? Er wurde nicht einmal 44 Jahre alt.
Die Reaktion meinerseits ist, dass ich Hilfe brauche. Wer ist da? Schorschi ist da im Schuppen und ich funke ihn an. Er kommt sofort. Im Schlafanzug, und ich schmunzle. Etwas hängt heraus. Ich schaue ihn an, und er wird rot und packt es wieder ein. Ohne ihn würde ich kaputtgehen.
Er wurde in den letzten Jahren ein wahrer Freund auch für mich. Wir reden lange, bis der Wecker klingelt.
Louis! Ich habe die Verpflichtung, mich um meinen Enkel zu kümmern. Schorschi hilft mir noch beim Frühstückzubereiten und Schulbrote schmieren. Dann geht er und zieht sich zurück. Ich bringe Louis zur Schule, die kaum fünf Minuten mit dem Auto entfernt liegt. Heute vergeht für die Fahrt mehr als eine Viertelstunde. Ich habe keine Ahnung, wie ich es ihm erkläre. Er ist jetzt sieben Jahre alt, ein kluger Junge und im zweiten Schuljahr. Ob er es versteht?
Das Frühstück verging ohne Vorkommnisse. Ich verstellte mich und lachte mit ihm. Schnell steigt er aus dem Auto aus, winkt mir zu und rennt zu seinen Freunden.
Anschließend schicke ich Kurznachrichten über mein Handy an unsere Freunde und die Familie. Die Eltern, Tante Anke, alle sind schockiert. Keiner will es wahrhaben. Viele taumeln, sind sprachlos, finden keine Worte, und ich habe mehr Angst um sie als um mich.
Am frühen Vormittag fahre ich wie betäubt ins Krankenhaus und hole seine Sachen ab. Seine Poloshirts, seine Pullover, seine Jogginghose – alles riecht nach meinem Kerl.
Die Schwestern drücken mir drei Taschen in die Hand. Das Bounty, das ich ihm gestern Nachmittag noch auf seinen Wunsch hin besorgte, ist unberührt. Ob ich es zu essen vermag? Ich weiß es noch nicht.
Ich rufe das Bestattungsinstitut an, welches die Beisetzung meiner Mutter organisierte. Der Notdienst ist dran und gibt mir einen Termin. Um 13:00 Uhr mittags wäre ein Termin frei, sagt Norbert von Begreil & Söhne. Er lässt mich aufschreiben, was er für Unterlagen benötigt.
Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Krankenkassenkarte, Personalausweis. Wo sind sie? Wir sind beide ziemlich schludrig, machen den Bürokram ungern.
Ich suche, suche vergeblich und denke an meinen Mann. Doch plötzlich schaue ich auf den Schreibtisch, schiebe automatisch einen Zettel beiseite – und da sind sie. Ich finde die erforderlichen Unterlagen, die mir regelrecht entgegenfallen. Mein Handy klingelt. Ein Anruf. Es ist Christophs Nummer – was soll das?
Ein Anruf von seinem Handy, das ich in der anderen Hand halte. Mein Handy zeigt deutlich seine Nummer. Auf Christophs Handy ist nichts zu sehen.
Ich gehe ran, am anderen Ende ist nichts zu hören und das Wartezeichen piept.
War das er? Mochte er mir so Adieu sagen? Kurz darauf rufen seine Eltern an und fragen, ob ich sie von Christophs Handy anrief. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Schaffen es die Toten, uns eine Nachricht zu senden? In diesem Augenblick glaube ich es fest.
Louis schläft heute bei einem Schulfreund. Dessen Eltern holten ihn auf meine Bitte hin gleich nach der Schule mit ab. So habe ich Zeit, darüber nachzudenken, wie ich es ihm beibringe.
Jedoch ist zuvor noch der Termin beim Bestatter wahrzunehmen. Norbert ist jetzt 38 Jahre alt, immer noch schlank, nicht zu muskulös, mit einem winzigen Bäuchlein. Dunkle, leicht gelockte Haare und ein kleines niedliches Grübchen auf der rechten Seite betonen sein Lächeln. Er trägt auch diesmal einen dunklen, gut geschnittenen Maßanzug mit weißem offenem Hemd. Damals war ich fast so weit, ihn zu vernaschen. Aber an Chrissi kommt er nicht ran. Sein Charme ist oberflächlich, aufgesetzt, halt kundenorientiert. Wieso habe ich das damals nicht wahrgenommen?
Jetzt sehe ich es. Mein Blick ist schärfer geworden. Die Besprechung geht schnell, ich weiß, was ich will. Eine passende Urne finde ich sofort. Dunkelblau mit der Aufschrift Glaube – Liebe – Hoffnung steht darauf. Als ich sie im Ausstellungsregal stehen sehe, weiß ich: Das ist die Richtige. Ich nahm aus weiser Voraussicht eine Hose und seinen Lieblingspullover von ihm für den Sarg mit. Die Trauerfeier wird kurz sein, ich möchte keine Show daraus machen, ansonsten würde ich zusammenbrechen. Nur unser Lied sollen sie spielen, Careless Whisper, und danach noch Jesus to a Child. Ich werde heulen am Grab, das weiß ich schon jetzt, aber das gehört dazu. Es sind Tränen für meinen geliebten Mann, der viel zu früh aus dem Leben abberufen wurde.
Ich fühle mich erleichtert, als ich den Bestatter verlasse. Ich habe seine Sachen abgeholt und die Beisetzung organisiert. Das war viel. Ich stehe neben mir, ich funktioniere. Aber wie lange noch?
Abends spreche ich mit Christoph, als wenn er anwesend wäre. Ich erzähle ihm, was ich den Tag über gemacht habe, welche Urne ich aussuchte. Goldi, jetzt schon sieben Jahre alt, liegt auf dem Bett. Sie erwartet, dass ich das Licht ausmache, damit sie unter die Bettdecke schlüpfen kann. Sie dreht den Kopf hin und her, als wenn sie sagen wollte: „Was machst du denn da? Mein Chrissipapa ist doch nicht mehr da.“
Mir fällt ihr Verhalten ein, als der Rettungsdienst Chrissi ins Krankenhaus fuhr. Sie lief den ganzen Tag mit eingeklemmtem Schwanz und angelegten Ohren herum. So, als wenn sie wusste, dass ihr Papi nicht mehr zurückkommt. Ich musste sie sogar abends nach oben ins Schlafzimmer tragen. Sie war nervös, schnupperte dauernd bei mir herum. Jetzt habe ich die Antwort.
Unruhig stehe ich wieder auf, schalte das Licht ein. Nach und nach packe ich seine Sachen aus den mitgebrachten Taschen vom Krankenhaus aus. Dort unterschrieb ich eine Erklärung, was ich erhielt. Das Bündel mit seinen Sachen ist verpackt und zugeklebt. Sein Kopfkissen, das er so liebte, ist weg. Seinen goldenen Ohrring, den er von mir zur Hochzeit bekam, finde ich nicht. Ich unterschrieb, dass ich ihn erhalten habe. Wer macht so was? Wer stiehlt einem Toten die letzten Andenken? Auch die Geldscheintasche von seiner Geldbörse ist leer. Es waren bestimmt noch über 50 Euro drinnen. Das weiß ich genau, denn ich bezahlte aus seiner Börse die Fernsehkarte fürs Zimmer.
Soll ich mich beschweren? Nein, dazu habe ich keine Kraft. Aber der Ohrring soll Schmerzen bereiten – immer dann, wenn ihn einer trägt.
2. Kapitel – Der nächste Tag
Die Nacht war schwierig. Meine Tabletten brachten mich in einen unruhigen Schlaf. Doktor Eichinger, den ich nachmittags noch anrief, riet mir, die doppelte Dosis einzunehmen.
Jetzt sitze ich nach einem kargen Frühstück am Schreibtisch und versuche Chrissis Post zu ordnen. Ich lächle, denn er war schon arg unordentlich. Ich sehe seine Hausschuhe, und ich schlüpfe hinein. So fühle ich mich ihm näher, ja, das ist gut.
Ich mache Frühstück für mich. Ich brauche einen Kaffee, befülle den Filter zitternd mit Kaffeemehl und fülle Wasser in den Speicher.
Zum Glück ist Louis noch nicht da. Wenn er mich so sehen würde … Die Eltern seines Freundes versprechen, ihn am Nachmittag zu mir zu bringen. Sie wissen Bescheid. Sie sind entsetzt und versprechen, den Jungs nichts zu sagen, bis Louis wieder bei mir ist.
Nachmittags sieht Schorschi nach mir. Wir sitzen und klönen. Wir ordnen Chrissis Sachen aus dem Krankenhaus. Ohne nachzudenken, klappe ich sein Brillenetui auf. 50 Euro lächeln mir entgegen – und auch der Ohrring ist wieder da. Oh Mann, ein Glück, dass ich im Krankenhaus keinen Stress machte.
Ich muss das mit diesen schnellen Verdächtigungen in den Griff bekommen. Es ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert.
Als Louis samstagnachmittags nach Hause kommt, habe ich keine Kraft, es ihm zu sagen. Schorschi winkt ab. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Morgen ist Sonntag. Das ist die Zeit dafür.
Wir schauen zusammen Fußball und Louis kuschelt sich bei mir ein. Schorschi macht uns Spaghetti mit Tomatensoße. Was habe ich doch für großartige Freunde. Als ich ihn abends ins Bett bringe, schläft er ohne Gutenachtgeschichte schnell ein. War wohl ein aufregender Tag für ihn.
Ich ängstige mich vor morgen.
Ich schlafe unruhig. Louis kommt zu mir ins Bett, weil ich wohl im Schlaf schrie. Wie soll ich das meinem Kleinen beibringen? Er kuschelt sich eng an mich und Goldi schiebe ich beiseite. Zu dritt geht die Nacht ruhig vorbei.