Schatten über Berlin – Leseprobe

Prolog

Die Sonne hing tief über den Hügeln von Curicó. Warmes Licht lag auf den Feldern, auf den Reihen der Reben, auf den staubigen Wegen, die sich durch das Land zogen.

Alma von Bakin ritt ihre Stute Blanca. Ein Schimmel, kräftig und ausdauernd. Sie liebte den gleichmäßigen Rhythmus der Hufe, den Wind, der ihr durchs Haar fuhr. Für kurze Zeit war sie allein mit dem Land.

Von hier oben hatte sie den Überblick. Kornfelder, die im Wind wogten. Weinstöcke, ordentlich in Reihen gesetzt, Stützen aus Holz und Draht. In der Ferne Curicó, klein, aber klar umrissen. Dahinter die Anden, weiß und unbeweglich.

Das Gut verband zwei Welten: Pferde und Wein. Nach dem Putsch von 1973 hatte ihr Vater die Viehzucht aufgegeben und sich auf diese Schwerpunkte konzentriert. Pferde für Militär und Paraden. Weine für den Markt in Santiago. Beides brachte Ansehen und Einfluss.

Alma kannte die Berechnungen.

Zahlenkolonnen, Verträge, Bilanzen. Pferde bedeuteten Prestige. Wein brachte Geld. Zusammen ergaben sie die Machtbasis ihres Vaters.

Ihre eigene Herkunft jedoch lag anderswo. Ostpreußen. Trakehnen. Ein Gestüt, berühmt in Europa. Geschichten, die die Mutter nur angedeutet hatte. Der Vater schwieg.

Der Winter 1945 hatte Spuren hinterlassen. Flucht, brennende Dörfer, endlose Trecks. Alma hatte die Bilder nicht gesehen, aber sie spürte sie, wenn die Mutter nachts aufschrie. Der Vater hatte nur einen Satz darüber verloren: „Deine Mutter hat uns gerettet.“

Die Mutter erzählte mehr. Von Königsberg. Von einem Doppeldecker, der sie fortbrachte. Von England. Von der Überfahrt nach Südamerika. Und von dem Moment, als sie in Curicó aus dem Zug stiegen, geblendet vom Licht, in einem Land, das fremd war und doch Heimat werden musste.

Im Jahr 1980 ist Alma zweiundzwanzig, kurz vor dem Abschluss ihres Wirtschaftsstudiums in Santiago. Sie will hinaus, ihr eigenes Leben beginnen. Aber wenn sie über die Felder reitet, spürt sie das Gewicht der Vergangenheit.

An diesem Tag stärker als sonst.

Am Rand des Feldes sah sie eine Bewegung. Zu gezielt, zu ruhig, um Zufall zu sein. Ein kurzes Aufblitzen. Glas oder Metall? Sie zügelte Blanca, blinzelte. Nichts. Nur Zypressen. Nur das Zirpen der Grillen.

Oben auf dem Plateau lag das Haus der Familie. Weiße Mauern, dunkles Dach, Zypressen wie Wächter. Von außen ein Ort der Stärke. Für Alma oft ein Käfig.

Das Anwesen war funktional. Ein schmiedeeisernes Tor. Ein Hof, auf dem Lastwagen wendeten, beladen mit Fässern oder Kisten. Stallungen für die Pferde. Kühlräume für den Wein. Alles Teil eines Systems, das ihr Vater überwachte.

Alma wusste: Dieses Erbe ließ sich nicht abschütteln. Unsichtbar, schwer. Die Schatten von Ostpreußen hatten den Weg über den Ozean gefunden.

Und doch lag an diesem Abend etwas in der Luft. Unsichtbar. Unbestimmt. Aber spürbar.

I.    Teil

1. Kapitel – Curicó

Der Abend war mild. Frühling in Curicó, die Luft noch warm vom Tag, aber schon mit dem kühlen Hauch der Nacht. Über den Hügeln wehte ein sanfter Wind, trug den Duft von frisch erblühten Reben, feuchter Erde und Pferden.

Im Hof summten Insekten um die Laterne, und aus den Feldern drang das leise Quaken von Fröschen, das nur in dieser Jahreszeit so dicht zu hören war. Alles sprach von Neubeginn – die Knospen, das Licht, das länger blieb, das Lachen der Kinder, die noch draußen spielten.

Alma saß auf der Terrasse, ein Glas Carménère in der Hand – eine alte Bordelaiser Rebsorte aus Europa, die man hier, im Tal von Curicó, mit viel Mühe neu angesiedelt hatte. Der Versuch galt als Wagnis, doch die ersten Trauben hatten gezeigt, dass der Boden ihnen ein zweites Leben schenkte. Der Wein leuchtete tiefrot im Abendlicht, schwer und doch frisch. Alma sog die Luft tief ein. Der chilenische Frühling roch nach feuchter Erde und jungen Blättern, nach Hoffnung – und für sie zugleich nach Druck. Es war, als sei sie selbst ein Schössling, den man zwang, in eine Richtung zu wachsen, ob er wollte oder nicht.

Dann hörte sie es. Reifen auf Kies. Ein Motor, der nicht hierher passte. Kein Arbeiter kam um diese Stunde, keine Lieferung wurde so spät gebracht.

Der Wagen hielt vor dem Haus. Ein Jeep. Ein Mann stieg aus. Groß, in hellem Leinenanzug, tadellos, trotz der Fahrt. Er wirkte wie jemand, der die Sonne mied. Der Blick scharf. Das Lächeln zu höflich.

„Señorita von Bakin?“ Er zog den Hut. Die Stimme ruhig, der Akzent schwer einzuordnen. Zu glatt für einen Einheimischen, zu weich für einen Deutschen.

Alma nickte, blieb sitzen. „Sie sind spät für einen Besuch.“

Das Lächeln des Mannes vertiefte sich, ohne wärmer zu werden. „Manchmal führt die Pflicht uns zu ungewöhnlichen Zeiten an ungewöhnliche Orte.“

Sie wusste sofort: Kein Händler, kein Nachbar sprach so.

„Mein Name ist Krause“, sagte er. „Ich komme im Auftrag alter Freunde Ihrer Familie.“

Das Wort Freunde klang falsch. Ihre Eltern hatten Bekannte, Verbündete, Menschen, die etwas voneinander wollten. Aber Freunde? Nein.

„Mein Vater schläft“, erwiderte Alma kühl. „Kommen Sie morgen wieder.“

Krause trat einen Schritt näher, sein Blick unverändert. „Es geht nicht um Ihren Vater. Es geht um Sie.“

Ein Schauer kroch ihr über den Rücken. Der Wein schmeckte plötzlich bitter.

„Um mich?“

„Ja.“ Seine Stimme war nun leiser, fast vertraulich. „Es ist Zeit, dass Sie erfahren, was Ihre Familie Ihnen verschwiegen hat.“

Stille. Nur Grillen, ein Hund in der Ferne. Alma wusste, dass sich in diesem Augenblick etwas veränderte.

Sie verschränkte die Arme. Ihr Herz schlug schneller, doch sie hielt den Blick. „Ich wüsste nicht, was Sie von mir wollen.“

Krause blieb im Halbschatten, als wolle er mehr verbergen als zeigen. „Es geht nicht um Wollen, Señorita. Es geht um Wissen.“

Er zog eine Mappe aus seiner Tasche. Dünn, abgegriffen, mit einem roten Wachssiegel. Er legte sie neben ihr Glas, fast beiläufig.

„Ihre Familie hat eine Vergangenheit. Dokumente, Briefe, Namen. Spuren, die man lieber vergessen würde.“

Alma rührte die Mappe nicht an. „Und was hat das mit mir zu tun?“

Krauses Lächeln verlor an Schärfe. Für einen Moment wirkte er fast mitfühlend. „Es hat alles mit Ihnen zu tun. Manchmal erben wir Land, manchmal Häuser. Und manchmal Schuld.“

Alma spürte, wie ihr der Boden entglitt.

All die Andeutungen. Das Schweigen des Vaters. Die Distanz der Mutter. Sie fügten sich plötzlich zu einem Bild.

„Sie kommen zu spät“, sagte sie rasch. „Ich interessiere mich nicht für die Vergangenheit.“

Krause trat einen Schritt ins Licht. Seine Augen funkelten kalt. „Aber die Vergangenheit interessiert sich für Sie.“

Dann nahm er den Hut, setzte ihn auf, drehte sich um. „Lesen Sie die Unterlagen, wenn Sie den Mut haben. Ich komme wieder.“

Der Jeep sprang an. Reifen knirschten auf Kies, dann verschluckte die Dunkelheit das Geräusch.

Die Tür zum Haus öffnete sich. Almas Mutter trat hinaus, das Gesicht wachsam, die Hände ruhig gefaltet. Als hätte sie gewusst, dass dieser Moment kommen würde.

„Alma, wer war das?“ Ihre Stimme war leise. Der Blick folgte dem Wagen, der im Tal verschwand.

„Ein Mann namens Krause“, sagte Alma. Sie reichte die Mappe mit dem roten Siegel. „Er meint, es geht um unsere Vergangenheit.“

Die Mutter nahm sie, und für Sekunden lag ein Schatten über ihrem Gesicht. Dann wandte sie sich wortlos um und ging ins Haus.

Alma blieb auf der Terrasse zurück. Sie spürte die Spannung in der Luft, ein Gewicht, das schwerer wurde, je länger ihre Mutter schwieg.

Kurz darauf kam sie wieder, nun mit Almas Vater. Er war ein Mann von stiller Autorität, das Gesicht hart, die Jahre und ihre Last darin eingeschrieben.

„Was ist das, Elisabeth?“ fragte er, während seine Frau ihm die Mappe reichte. Sein Blick streifte Alma, dann glitt er auf das Siegel.

„Ein Besucher brachte es. Er sagte, es betrifft uns. Und Alma.“

Der Vater nahm die Mappe, betrachtete das Siegel, drehte sie in den Händen. Dann riss er es auf, überflog die Papiere – und begann, sie zu zerreißen. Stück für Stück. Die Fetzen trieb der Wind über den Boden der Terrasse.

„Das geht dich nichts an, Alma.“ Seine Stimme war ruhig, entschieden. „Manche Dinge bleiben besser im Dunkeln.“

Sie sah den Papierfetzen nach. Statt Ärger spürte sie Erleichterung. Für sie war die Sache erledigt. Wenn ihr Vater entschied, dass es bedeutungslos sei, dann musste es so sein.

Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln. Und nahm an, dass die Vergangenheit erneut verschwunden war.

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