Vorwort
Wir sind die Gestalter unserer eigenen Entscheidungen, auch wenn es manchmal nicht so wirkt. Wir können Methoden erproben, Anregungen annehmen oder Vorschläge ablehnen. Ebenso dürfen wir uns gegen Ideen wehren, die nicht zu uns passen. Nur eines sollten wir vermeiden: das Leben anderer zu führen. Der eigentliche Weg ist immer der eigene.
Ich glaube fest daran.
Und ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die uns zur rechten Zeit begegnen. Manche begleiten uns nur für einen kurzen Moment, andere länger – und einige bleiben für immer. Manchmal reichen kleine Anstöße, wenn wir vom Kurs abkommen oder uns verlieren.
St. Peter-Ording ist ein realer Ort, der für mich über viele Jahre ein Platz des Rückzugs war. Das „Schnorpicon“ existierte bis Ende 2018, ein offener, toleranter Treffpunkt, der für immer geschlossen wurde. Das „Café Holzstrand“ hingegen ist frei erfunden. An der beschriebenen Stelle gibt es jedoch tatsächlich ein sehr empfehlenswertes Restaurant. Ob dort allerdings ein Kellner wie Christoph die Gäste bedient, vermag ich nicht zu sagen.
Im zweiten Teil dieses Romans wird St. Peter-Ording noch deutlicher in den Mittelpunkt rücken, wenn Christoph seine Geschichte mit Robert erzählt und sie zu einem glücklichen Ende führt.
Paul Martín
Prolog
Es war kurz nach Mitternacht im Juli 1954. Hermann rutschte unruhig auf den wackeligen Holzstühlen hin und her. Vor beinahe sieben Stunden hatte er seine hochschwangere Frau in der Gluthitze des Tages in die Charité gebracht. Damals setzten die Wehen alle zwanzig Minuten ein. Er hatte immer wieder auf seine Uhr geschaut und sie unentwegt kontrolliert. Würde es ein Junge werden oder ein Mädchen?
Er wünschte sich so sehr ein Mädchen. Sie wollten es Gabriele nennen. Überhaupt erschien ihm dies wie ein Wunder. Noch zehn Jahre zuvor hatte er nach einem Lungensteckschuss in Norditalien in München im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gelegen. Drei Jahre musste er dortbleiben, bis aus dem blassen Jungen, der kaum noch atmete, dessen blondes Haar verschwitzt über die Stirn fiel, ein ernster junger Mann wurde, der sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte.
Sein Vater hatte ihn 1947 aus München abgeholt. Sein Bruder war in Russland geblieben – gefallen den „Heldentod“, wie die Anzeige es nüchtern bestätigte. Damals hätte er nie geglaubt, jemals Vater zu werden. Die Angst begleitete ihn. Seine Kriegsverletzung hatte zur Folge, dass die rechte Oberkörperseite fast vollständig wegoperiert war. Das Herz musste mit zwei von fünf Lungenflügeln auskommen. Es war beschwerlich, oft rang er nach Luft.
Und doch – sie hatten immer aufgepasst. Vier Jahre lang ging es gut. Und plötzlich sollte er Vater werden …?
Er musste hinaus aus diesem stickigen Saal, hinaus in die klare Nachtluft. Lange lief er durch die Straßen und vergaß fast, weshalb er überhaupt hier war. Als schließlich ein Gewitter aufzog, das Grollen des Donners näherkam und der Regen in Strömen herabfiel, rückte er seinen breitkrempigen Hut zurecht und ging langsam zum Krankenhauseingang zurück.
Die Krankenschwester, die schon nach ihm suchend durch die Gänge lief, atmete auf, als sie ihn erblickte, und zog ihn sofort in ein Krankenzimmer, in dem seine Frau lag. Er stürmte hinein, küsste sie, und während das Wasser von der Hutkrempe auf das Bett tropfte, gluckste seine Frau vor Freude. Da trat die Schwester heran und legte ihr zwei Buben in die Arme.
„Zwei?“, stotterte Hermann fassungslos. „Das geht doch nicht …“
Niemand im Raum bemerkte den Mann mit den stahlblauen Augen, der im Hintergrund stand und leise sagte:
„Jetzt geht es los.“
1. Kapitel – Erinnerungen
Die erste große Schicksalswelle erreicht Robert auf der Autobahn Richtung Berlin, irgendwo in der Pampa. Robert ist nun 58 Jahre alt, verheiratet, schüchtern und innerlich verkrampft. Sex ist für ihn längst ein Fremdwort geworden – wenn überhaupt, dann nur in stiller Handarbeit am Abend. Neben seiner Beamtenlaufbahn im wöchentlichen 40-Stunden-Modus gibt er Seminare an einem Berliner Bildungsinstitut. Er ist kompetent, beliebt und hat längst eine eigene Fangemeinde, die nur zu seinen Veranstaltungen kommen will. Auch für Inhouse-Seminare wird er gebucht, jene, die nicht in Berlin stattfinden, sondern direkt in den Räumen der Behörden, die den Fortbildungsbedarf eingekauft haben.
Gerade diese Seminare außerhalb schätzt Robert besonders. Sie reißen ihn heraus aus dem Trott. Dafür nimmt er fast seinen gesamten Urlaub und erarbeitet sich durch Überstunden zusätzliche freie Tage.
Heute trägt er einen hellgrauen Anzug eines bekannten Herstellers, dazu braune Lederslipper. Im Kofferraum liegt sein Aktenkoffer mit Kommentaren und seinem Laptop.
Mit seinen 1,84 Metern ist er ein großer Mann. Eine randlose Brille sitzt auf seiner Nase, die Haare sind fast weiß, kurz geschnitten, ein Wohlstandsbauch zeichnet sich ab. Er fährt ein Mercedes-Cabrio – nicht aus eigenem Wunsch. Seine Frau und vor allem sein Sohn hatten auf dieses Auto gedrängt. Der Sohn hoffte, damit prahlen zu können, wenn er zur Schule fuhr. Doch da er mit dem Zweitwagen, einem Fiesta, bereits dreimal erhebliche Beulen verursacht hatte, bekam er den Schlüssel zum Cabrio nie. Das wurmt ihn zwar, aber er versteht, dass sein Vater beim Bildungsinstitut nicht in einem verbeulten Kleinwagen vorfahren kann. Robert wäre das egal gewesen – doch langsam findet auch er Gefallen an dem schnellen Wagen.
Es ist Anfang Oktober, ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Als er die Stadt verlässt, in der er drei Tage lang Verwaltungsmitarbeiter geschult hat, weiß er noch nicht, was dieser Tag für ihn bereithält.
Denn es gibt Tage, die das Schicksal für einen Neuanfang bestimmt. Am Morgen ahnt man nichts davon. Man ist nicht vorbereitet, man kann es nicht verhindern, nur reagieren. Und erst Jahre später erkennt man, ob man es richtig gemacht hat.
Für Robert ist dieser Tag ein solcher. Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wird die richtige Reaktion wählen, auch wenn er es lange nicht glauben kann.
Nach zwei Stunden Fahrt verspürt er plötzlich das Bedürfnis, anzuhalten. Da sich kein Rastplatz und keine andere Gelegenheit bietet, entdeckt er ein Hinweisschild auf eine provisorische Ausfahrt. Später wird er nicht mehr wissen, weshalb er dorthin fuhr. Doch er biegt ab.
Müde ist er, die Augen flimmern. Das Seminar war anstrengend, die ständigen Fragen der Teilnehmer erschöpften ihn. Besonders dieses unhöfliche „Ach, ich wollte nur mal schnell was fragen…“, wenn er gerade in der Mittagspause an seinem Rosinenbrötchen kaute.
Er schaltet den Tempomaten seines Mercedes ab, bremst sanft und lenkt in Richtung der Ausfahrt. Nach einigen hundert Metern Asphalt geht die Straße in einen Schotterweg über.
Eine Ausfahrt ohne Ziel, denkt Robert verwundert. Er hofft immer noch auf ein Dorf, auf eine Tasse Kaffee. Doch der Weg endet abrupt an einem Holzgatter. Ein Verkehrsschild erklärt die Durchfahrt für Kraftfahrzeuge aller Art für verboten. Dahinter wächst nur wildes Gestrüpp.
Kurz vor dem Gatter verbreitert sich der Schotterweg zu einer Art Parkplatz, gerade groß genug für zwei Wagen.
„Okay, kurze Pause“, denkt Robert. Er stellt den Motor ab, tritt mit dem linken Fuß die Parkbremse durch und steigt aus.
Er geht zum Gatter, das ihn wie von selbst anzieht. Ein verwitterter Holzpfahl steht daneben, von Moos überzogen, von Käfern zerfressen, von Rissen durchzogen. Reste zweier rostiger Nägel verraten, dass hier einst ein Schild befestigt war. Wind und Wetter hatten es längst zu Boden gezwungen.
In Robert steigt eine seltsame Unruhe auf. Mit einem Schlag erkennt er diesen Ort wieder – und fühlt zugleich eine unerklärliche Sehnsucht nach all dem, was er verloren glaubte.
Das Schild hatte recht, denkt er. Es wollte hier nicht hängen.
Er sieht es vor sich, deutlich, so als wäre es noch da. Er kennt jede Stelle, jede Kerbe. Und er weiß: Hier begann alles. Eine Gänsehaut überzieht ihn.
Das Rad des Schicksals hat sich in Bewegung gesetzt. Zum ersten Mal an diesem Tag erlebt Robert einen Flashback.
458 Seiten